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Abgas-Skandal: Software-Update verweigern?

Abgas-Skandal: Software-Update verweigern?

Auch nach dem Update stoßen viele VW-Diesel noch zu viel Stickoxide aus. (Foto: shutterstock/uleiber) 15.09.2020

Zusammenfassung:
  • Schummel-Diesel ohne Update können stillgelegt werden.
  • Mit dem Rückruf erschwert man aber voraussichtlich die Durchsetzung seiner Rechte.
  • Vorsicht bei allen Werkstattbesuchen (z.B. wegen anderen Rückrufen): Hier wird das Software-Update gerne „untergeschoben“.

Viele Besitzer der vom VW-Skandal betroffenen Fahrzeuge fragen sich, ob sie das Software-Update verweigern oder Ihr Auto in die Werkstatt bringen sollen. Dasselbe gilt auch für die Rückrufe bei Mercedes und Opel. Schließlich gibt es deutliche Hinweise darauf, dass durch das Update Probleme auftreten, beispielsweise erhöhter Verbrauch oder Defekte am Abgasrückführungsventil. Wir erklären die Hintergründe des Updates der Motorsteuerungs-Software:

Vorsicht ist übrigens auch geboten, wenn das Fahrzeug aus einem anderen Grund in die Werkstatt muss. Teilweise wird dann ohne Rückfrage einfach das Update aufgespielt. Daher sollte man grundsätzlich darauf hinweisen, dass das Update nicht gemacht werden soll, wenn das Auto für die Inspektion, eine Reparatur oder eine andere Rückrufaktion in die Werkstatt muss.

Das hier beschriebene kostenlose Software-Update darf man nicht mit Hardware-Updates verwechseln. Auf diese gehen wir in unserem Artikel zur Diesel-Nachrüstung ein.

Warum die Umrüstung der Schummel-Diesel eigentlich eilt

Im Zuge des Abgasskandals hat sich herausgestellt, dass scheinbar umweltfreundliche Diesel-Modelle von VW, Audi, Seat und Skoda im Normalbetrieb zu viel Stickoxide ausstoßen. Lediglich auf dem Teststand wurde der Motor so geregelt, dass die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten wurden.

Das Problem dabei: Im Rahmen der Hauptuntersuchung steht auch der Abgasausstoß auf der Checkliste und die Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte ist Voraussetzung für die Erteilung der Plakette. Ein nicht nachgerüstetes Fahrzeug mit aktiver Schummel-Software würde zwar einen Test auf dem Prüfstand bestehen (den es bei der AU gar nicht mehr gibt), der Prüfingenieur kann aber überprüfen, ob das Fahrzeug im Rahmen der Rückrufaktion umgerüstet wurde.

Das Risiko aller Besitzer eines entsprechenden Fahrzeugs: Eigentlich dürfte ohne Umrüstung keine neue HU-Plakette mehr erteilt werden. Schließlich stößt ein vom Abgasskandal betroffenes Auto mehr Stickoxide aus als erlaubt ist. EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska forderte für Fahrzeuge ohne Software-Update eine Stilllegung . Für die ersten vom VW-Abgasskandal betroffenen Fahrzeuge wurde bereits die Stilllegung angeordnet – auch wenn die HU gar nicht anstand. VW-Kunden könnten dann ihre Autos nicht mehr nutzen.

Nach einem BGH-Urteil im VW-Abgasskandal brauchen sich die Kunden auch keine Sorgen machen, dass sie durch das Update ihre Ansprüche verlieren: Die Richter argumentierten, dass bereits der Kauf ein „ungewollter Vertragsabschluss“ war (Az. VI ZR 367/19, vom 30.7.2020).

Warum VW-Kunden trotzdem nicht sofort umrüsten sollten

Problematisch ist dabei: Deutsche Umwelthilfe und ADAC haben bei vom Abgasskandal betroffenen VW-Modellen nach dem Update nachgemessen. Dabei zeigte sich, dass durch das Update die Stickoxidwerte zwar deutlich gesunken sind, die auf dem Prüfstand zulässigen Grenzwerte werden aber auf der Straße immer noch weit überschritten. Auch eine Studie des Kraftfahrtbundesamts (KBA) bestätigt das. Die Deutsche Umwelthilfe hat deshalb bereits Klage gegen das KBA eingereicht, da sie den Rückruf nicht für ausreichend hält. Am Ende könnte ein Widerruf der Typzulassung für betroffene VW-Modelle stehen.

Außerdem ist nicht auszuschließen, dass die umgerüsteten Fahrzeuge anschließend neue Mängel aufweisen. Viele Kunden berichten z.B. von gesunkener Leistung, Mehrverbrauch oder Geräuschen. Will der VW-Kunde aufgrund dieser neuen Mängel Schadensersatz verlangen, muss er aber erst beweisen, dass sie auf die Rückrufaktion zurückzuführen sind. Der Beweis dafür dürfte aber wesentlich schwerer zu führen sein als für das Vorhandensein der Schummelsoftware. Die zwischen VW und der EU-Kommission ausgehandelte „vertrauensbildende Maßnahme“ ist aber keine echte Garantie und bietet VW viele Schlupflöcher. Sie bezieht sich außerdem nur auf Bauteile, die beim Rückruf ein- oder umgebaut werden. Probleme können aber auch an ganz anderen Bauteilen auftreten. Hinzu kommt, dass auch nach dem Software-Update wohl noch unzulässige Abschalteinrichtungen vorhanden sind. Es gibt inzwischen erste Urteile, nach denen VW lediglich eine Prüfstandserkennung gegen ein unzulässig kleines Thermofenster ausgetauscht hat. Und: Im September 2020 wurde bekannt, dass VW Fahrzeuge erneut zurückrufen muss, weil das erste Software-Update die Stickstoff-Ausstöße nicht ausreichend reduziert hat. Der erste KBA-Rückruf bezog sich dabei auf einen Eos.

Damit befinden sich die VW-Kunden in der Zwickmühle: Steht die Hauptuntersuchung bald an, verlieren sie möglicherweise die Zulassung, wenn sie nicht nachrüsten. Wenn sie dem Rückruf folgen, verlieren sie aber ggf. den Anspruch auf Schadensersatz.

Die Beratung durch einen versierten Anwalt macht daher für die meisten betroffenen VW-Besitzer Sinn, um ihre Ansprüche nicht zu verlieren. Ein Vorgehen auf eigene Faust wird in den meisten Fällen kaum zum Erfolg führen und ist zudem riskant. Das gilt insbesondere, wenn Fristen verpasst oder Schreiben falsch formuliert werden.

Ein Ausweg aus der Zwickmühle bietet sich ggf. Fahrern an, die ihr Auto finanziert haben. Hier kann es sein, dass man aufgrund eines Formfehlers auch nach Jahren den Autokredit oder das Leasing widerrufen kann – und den Kaufvertrag gleich mit. Besonder, wenn Kunden beim Restwert-Leasing hohe Nachzahlungen leisten sollen, bietet sich diese Option an.

Wie man sich gegen die Stilllegung des Fahrzeugs wehren kann

Wenn die Kfz-Zulassungsstelle (entsprechend den Vorgaben des Kraftfahrtbundesamtes – KBA) die Stilllegung des Fahrzeugs androht oder sogar anordnet, sollte man schnell handeln. In einem Widerspruchsverfahren kann man gegen die Stilllegung vorgehen. Bis zur endgültigen Entscheidung kann man außerdem eine „Einstweilige Anordnung“ beantragen, mit der die Stilllegung ausgesetzt wird. Die Chancen für eine solche Einstweilige Anordnung stehen dabei gut. Schließlich dürfte das Interesse des Fahrzeughalters an der Nutzung des Fahrzeugs – und dem Erhalt des Ursprungszustandes für eine privatrechtliche Klage gegen den Hersteller – das Interesse von KBA und Zulassungsbehörde an der Stilllegung überwiegen. Das sah auch das Verwaltungsgericht Karlsruhe so, weshalb ein VW Amarok vorerst ohne Update weiter betrieben werden darf (Az. 12 K 16702/17). Anders hat dagegen das Verwaltungsgericht München entschieden.

Was es mit der freiwilligen Serviceaktion auf sich hat

Im Zuge des Dieselskandals und angesichts drohender Fahrverbote haben mehrere Fahrzeughersteller zugesagt, das Abgasverhalten ihrer bereits verkauften Fahrzeuge zu verbessern. Auch hierbei sollen v.a. Software-Updates aufgespielt werden, um beispielsweise „Thermofenster“ zu verringern. Diese werden auch bei Modellen angeboten, für die das Kraftfahrtbundesamt (zumindest bisher) keinen verpflichtenden Rückruf angeordnet hat. Betroffen sind daher neben VW-Konzern, Mercedes und Opel auch weitere Hersteller. Neben „freiwillige Serviceaktion“ finden sich auch Begriffe wie „freiwilliger Rückruf“, „freiwillige Servicemaßnahme“ oder „Aktionscode 23X4“. Folgendes gibt es zu beachten:

Im Gegensatz zu einem Rückruf ist die freiwillige Servicemaßnahme – der Name sagt es schon – freiwillig. Das gilt nicht nur für den Hersteller, sondern auch für den Kunden. Hier können die Diesel-Fahrer das Update daher verweigern. Probleme mit TÜV und Zulassung drohen also nicht.

Auch bei der freiwilligen Servicemaßnahme können Nachteile für den Kunden entstehen – auch wenn die Hersteller etwas anderes behaupten. Beispielsweise kann es zu Mehrverbrauch, reduzierter Leistung oder Motorschäden kommen.

Auch wenn das KBA bisher noch keinen verpflichtenden Rückruf angeordnet hat, heißt das nicht, dass es in Ihrem Fahrzeug keine illegale Abschalteinrichtung gibt. Einige Gerichte haben beispielsweise auch sogenannte „Thermofenster“ als illegal eingestuft und den Kunden Schadensersatz zugesprochen. Eine freiwillige Servicemaßnahme kann sogar ein Indiz dafür sein, dass der Hersteller bei der Zulassung gemogelt hat.

Übrigens: Wenn Sie Ihr Auto finanziert haben, können Sie es in vielen Fällen aufgrund von Formfehlern zurückgeben – mit oder ohne Rückruf.

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