Geldanlage
Zusammenfassung:

Bei der Wirecard AG ist es zu einem Anlageskandal gekommen.

Vielen Wirecard-Anlegern steht eine Entschädigung zu.

Anleger können selbst klagen oder sich einer Wirecard-Sammelklage anschließen.

Wirecard: Wie Sie mit Sammelklage oder Einzelklage Schadensersatz bekommen

Geldanlage
  • Robert Metz
Zusammenfassung:

Bei der Wirecard AG ist es zu einem Anlageskandal gekommen.

Vielen Wirecard-Anlegern steht eine Entschädigung zu.

Anleger können selbst klagen oder sich einer Wirecard-Sammelklage anschließen.

Eigentlich verdient die Wirecard AG mit Online-Bezahlung Geld. Wegen eines Bilanzskandals wird Wirecard Entschädigung an viele Anleger zahlen müssen.

Aktueller Stand im Wirecard-Skandal

Schon die Anfangsphase der Wirecard AG war etwas anrüchig: Zu Beginn wurde hauptsächlich mit der Zahlungsabwicklung für Anbieter von Online-Pornographie und Online-Glücksspiel Geld verdient. Inzwischen machen diese Bereiche aber nur noch einen geringen Anteil am Geschäft von Wirecard aus. Die Probleme liegen heute großenteils in anderen Bereichen, insbesondere im Auslandsgeschäft, da hier wegen fehlender Banklizenzen mit externen Partnern zusammengearbeitet wurde. Dadurch wurden Defizite bei Kontrolle und Aufsicht verschärft.

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Bereits Anfang 2019 und erneut im Herbst 2019 berichtete die Financial Times über Unregelmäßigkeiten in Buchführung und Bilanzierung. Angeblich sollen beispielsweise Umsätze erfunden worden sein. Insbesondere im sogenannten Third Party Acquiring, also bei Geschäften über externe Partner, soll nicht klar gewesen sein, woher angebliche Umsätze stammen. Außerdem sollen sich Manager durch überhöhte Preise für aufgekaufte Unternehmen selbst bereichert haben und Kredite sollen falsch ausgewiesen worden sein. Im Fokus standen dabei Gesellschaften in den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Philippinen und Singapur.

Wirecard beauftragte daher die Wirtschaftsprüfer von KPMG mit einer Sonderprüfung, um die Vorwürfe zu entkräften. Das KPMG-Gutachten vom 27.4.2020 konnte zwar keine Beweise für die Vorwürfe finden, sie aber auch nicht entkräften. Der Grund dafür war, dass die Buchführung von Wirecard schlicht nicht nachvollziehbar war.

Am 18.6.2020 musste die Wirecard AG einräumen, dass ihr vermutlich 1,9 Mrd. € fehlen. Das entspricht etwa einem Viertel der Bilanzsumme und einem Großteil des Eigenkapitals. Das Geld sollte eigentlich auf Treuhandkonten bei philippinischen Banken liegen, die Belege dazu waren aber wohl gefälscht. Der Treuhänder Mark Tolentino war zu diesem Zeitpunkt nicht auffindbar. Wirecard musste die Vorlage ihres Jahresabschlusses daraufhin erneut verschieben. Nach dieser Bekanntmachung und in den folgenden Tagen stürzte die Wirecard-Aktie ins Bodenlose.

Am 22.6.2020 wurde der kurz zuvor zurückgetretene Vorstandsvorsitzende der Wirecard AG, Markus Braun, festgenommen. Es besteht der Verdacht auf Kursmanipulation und Bilanzfälschung.

Am 25.6.2020 wurde bekannt, dass die Wirecard AG Insolvenz angemeldet hat. Als Gründe wurden drohende Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung genannt. Letzteres deutet darauf hin, dass das Eigenkapital aufgebraucht ist. Anfang Juli 2020 berichteten verschiedene Medien, dass die Vorstände von Wirecard wohl schon seit 2012 bewusst und systematisch betrogen haben. Mit Scheingeschäften sollten Kunden und Anlegern hohe Umsätze und Gewinne vorgegaukelt werden. Der Vorstand Jan Marsalek war zu diesem Zeitpunkt weiter untergetaucht.

Kann ich von Wirecard Schadensersatz bekommen?

Noch ist nicht abschließend geklärt, was genau bei der Wirecard AG passiert ist, wer die Schuld trägt und wer wann was wusste. Allerdings ist sehr wahrscheinlich, dass der Vorstand der Wirecard AG seinen Aufsichts- und Informationspflichten nicht nachgekommen ist. In diesem Fall wären Wirecard bzw. einzelne Manager verpflichtet, Anlegern Schadensersatz zu zahlen.

Grundvoraussetzung für Schadensersatz von Wirecard ist, dass Sie mit den betroffenen Wertpapieren einen Verlust erlitten haben. Sie müssen die Papiere dabei noch nicht verkauft haben. Eine Entschädigung kommt dabei nicht nur für die Aktie der Wirecard AG infrage, sondern auf für andere Wertpapiere:

  • Die Wirecard-Aktie (WKN: 747206 / ISIN: DE0007472060)
  • Von Wirecard herausgegebene Anleihen (WKN: A2YNQ5 / ISIN: DE000A2YNQ58
  • Diverse Derivate, die auf der Wirecard-Aktie basieren, z.B. Zertifikate, Optionsscheine, Termingeschäfte oder andere Hebelprodukte

Wichtig ist, dass Sie Ihre Wirecard-Wertpapiere im Zeitraum vor Bekanntwerden des Wirecard-Skandals gekauft haben, also bis zum 18.6.2020.

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Wie hoch fällt der Schadensersatz bei Wirecard aus?

Ist Ihnen z.B. durch falsche oder verspätete Informationen oder durch Falschberatung ein Schaden entstanden, muss der Verursacher diesen ersetzen. Dabei gibt es 2 Optionen: Einerseits können Sie die Aktien bzw. anderen Wertpapiere gegen Erstattung des ursprünglichen Kaufpreises abgeben. Andererseits kann die Entschädigung aus der Differenz zwischen dem Kaufpreis und einem fiktiven Preis, der sich bei korrekter und rechtzeitiger Information ergeben hätte, errechnet werden. Maßstab dafür ist beispielsweise der Kursverlust, der durch das Bekanntwerden des Wirecard-Skandals entstanden ist.

Gegen wen kann man im Wirecard-Skandal klagen?

Die Wirecard AG haftet insbesondere für das Handeln ihrer Vorstände. Daher ist der wichtigste Anspruchsgegner von geschädigten Wirecard-Anlegern die Gesellschaft selbst. Nachdem allerdings etwa ein Viertel der Bilanzsumme offenbar nicht existiert, ist die Wirecard AG selbst in eine Schieflage geraten. Hinzu kommt, dass Wirecard durch den Skandal auch Kunden verloren hat und weiter verliert. Außerdem dürften auch andere Anleger eine Entschädigung von Wirecard einklagen. Inzwischen hat die Wirecard AG daher Insolvenz angemeldet. Daher erläutern wir weitere mögliche Anspruchsgegner:

Für ihr Verhalten müssen die Vorstände grundsätzlich auch persönlich geradestehen. Die wichtigsten Akteure im Wirecard-Skandal scheinen bisher Markus Braun und Jan Marsalek zu sein. Braun ist der Gründer von Wirecard war bis zum Bekanntwerden des Skandals Vorstandsvorsitzender des Unternehmens. Kurz vor der Insolvenz hat er Wirecard-Aktien im Wert von über 100 Mio. € verkauft, daher dürfte er über signifikantes Vermögen verfügen. Marsalek war im Vorstand zuletzt für das operative Geschäft zuständig – inklusive der problematischen Geschäftsfelder in Asien. Er war nach Bekanntwerden des Skandals zunächst untergetaucht.

Neben dem Privatvermögen dürften die Vorstände auch über eine sogenannte D&O-Versicherung verfügen, das ist so etwas wie eine Haftpflichtversicherung für Manager.

Außerdem könnten auch Ansprüche gegenüber der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (ehemals Ernst & Young) bestehen. EY prüft die Bilanzen von Wirecard seit 2012 und hat erst dem Abschluss für 2019 das Testat verweigert. Rückblickend ist es aber unwahrscheinlich, dass die Buchführung von Wirecard 2018 noch in Ordnung war.

Wenn der Kauf der Wirecard Wertpapiere nach der Veröffentlichung des KPMG-Gutachtens vom 27.4.2020 stattgefunden hat, kommt auch eine Beraterhaftung in Frage. Falls Sie die Wertpapiere über einen Berater, Vermittler oder ähnliches gekauft haben, hätte er Sie über die damals schon bekannten Unregelmäßigkeiten informieren müssen. Insbesondere dürften die Wertpapiere spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr für sicherheitsorientierte Anleger geeignet gewesen sein. Dabei ist es egal, ob der Berater Wirecard-Aktien, Wirecard-Anleihen oder Derivate wie Wirecard-Zertifikate empfohlen hat.

Wirecard: Einzelklage eireichen oder Sammelklage anschließen?

Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass es auch im Fall Wirecard eine Art „Sammelklage“ nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) geben wird. Dabei werden die Verfahren von mindestens 10 Anlegern in einem Musterprozess gebündelt. Weitere Geschädigte können sich – mit Hilfe eines Anwalts – dem Verfahren durch eine Anmeldung zur Sammelklage anschließen. Das Urteil im Musterverfahren hat zwar keine direkte Wirkung auf diese „Anmelder“, sie vermeiden aber eine Verjährung und können später mit hoher Rechtssicherheit klagen.

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Der wesentliche Nachteil einer Sammelklage nach dem KapMuG ist, dass es lange dauert. Zunächst vergehen Monate, bis die Verfahren überhaupt gebündelt sind. Nach dem anschließenden Verfahren müssen die Wirecard-Geschädigten dann auch noch selbst ihre Ansprüche durchsetzen. Dabei gilt im Wirecard-Skandal in doppelter Hinsicht: Zeit ist Geld. Durch eine Einzelklage kann man nicht nur schneller eine Entschädigung bekommen, man hat auch ein geringeres Risiko, dass die Forderung wertlos wird, weil der Anspruchsgegner bis zum Urteil möglicherweise pleite geht – was bei der Wirecard AG ja bereits eingetreten ist.

FAQs zum Wirecard-Skandal

Wer kann Schadensersatz von der Wirecard AG bekommen?
Grundsätzlich jeder, der durch die verspäteten/falschen Informationen von Wirecard einen Schaden erlitten hat. Insbesondere Anleger, die Aktien, Anleihen, Zertifikate etc. vor dem 18.6.2020 gekauft haben. Genaues erfahren Sie hier.

Sollte ich mich einer Sammelklage anschließen?
Das kommt auf Ihre persönliche Situation an, beispielsweise ob eine Rechtsschutzversicherung vorhanden ist. Am Besten fragen Sie einen Anwalt, z.B. hier.

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