Geldanlage
Zusammenfassung:

Anleger können selbst klagen oder sich einer Wirecard-Sammelklage anschließen.

Wirecard-Anlegern steht Schadensersatz zu.

In den USA ist bereits mindestens eine Sammelklage gegen Wirecard eingereicht worden.

Wirecard: Sammelklage anschließen und Schadensersatz bekommen

Geldanlage
  • Robert Metz
Zusammenfassung:

Anleger können selbst klagen oder sich einer Wirecard-Sammelklage anschließen.

Wirecard-Anlegern steht Schadensersatz zu.

In den USA ist bereits mindestens eine Sammelklage gegen Wirecard eingereicht worden.

Eigentlich verdient die Wirecard AG mit Payment-Dienstleistungen Geld. Wegen eines Bilanzskandals wird Wirecard Entschädigung an viele Anleger zahlen müssen. Mehrere Kanzleien bereiten bereits Sammelklagen gegen Wirecard vor.

Wirecard: Sammelklage anschließen oder Einzelklage einreichen?

Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass es eine Wirecard „Sammelklage“ nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) geben wird. Dabei werden die Verfahren von mindestens 10 Anlegern in einem Musterprozess gebündelt, falls ein entsprechender Antrag gestellt wird. Weitere Geschädigte können sich – mit Hilfe eines Anwalts – der Wirecard-Sammelklage durch eine Anmeldung zum Musterverfahren anschließen. Das Urteil im Musterverfahren hat zwar keine direkte Wirkung auf diese „Anmelder“, sie vermeiden aber die Verjährung ihres Schadensersatzes und können später mit hoher Rechtssicherheit Klage gegen Wirecard einreichen.

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Die Bündelung von Anträgen erfolgt dabei zwangsweise. Das bedeutet, dass alle bereits laufenden, gleichartigen Verfahren gegen Wirecard ausgesetzt werden, bis ein Urteil im Musterverfahren gefallen ist. Danach werden die Verfahren wieder aufgenommen, können aber voraussichtlich schnell entschieden werden, da die wesentlichen Punkte ja bereits in der Sammelklage entschieden wurden.

Der wesentliche Nachteil einer reinen Anmeldung zur Sammelklage nach dem KapMuG ist, dass das Verfahren noch länger dauert. Zunächst vergehen Monate, bis die Verfahren überhaupt gebündelt sind. Nach dem anschließenden Verfahren müssen die Wirecard-Geschädigten dann auch noch selbst eine Klage gegen Wirecard (oder andere) erheben, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Dabei gilt im Wirecard-Skandal in doppelter Hinsicht: Zeit ist Geld. Durch eine Einzelklage – auch wenn sie „gebündelt“ wird – kann man nicht nur schneller eine Entschädigung bekommen, man hat auch ein geringeres Risiko, dass die Forderung wertlos wird, weil der Anspruchsgegner bis zum Urteil möglicherweise pleite geht – was bei der Wirecard AG selbst ja bereits eingetreten ist.

Außerdem gilt ein möglicher Vergleich im Wirecard-Musterverfahren direkt nur für die Kläger, deren Verfahren gebündelt wurden, nicht für die „Beigetretenen“. Darüber hinaus sollten sich Wirecard-Geschädigte auch beraten lassen, ob sie nicht ohnehin besser andere Anspruchsgegner als die Wirecard AG verklagen sollten.

Kann ich von Wirecard Schadensersatz bekommen?

Noch ist nicht abschließend geklärt, was genau bei der Wirecard AG passiert ist, wer die Schuld trägt und wer wann was wusste. Allerdings ist sehr wahrscheinlich, dass der Vorstand der Wirecard AG seinen Aufsichts- und Informationspflichten nicht nachgekommen ist und die Anleger bewusst betrogen hat. In diesem Fall wären Wirecard bzw. einzelne Manager verpflichtet, den Anlegern von Wirecard Schadensersatz zu zahlen. Anwälte verschiedener Kanzleien bereiten in diesem Zusammenhang bereits Musterverfahren nach dem KapMuG vor. Anleger können sich daher bald Sammelklagen gegen Wirecard anschließen.

Grundvoraussetzung für Schadensersatz von Wirecard ist, dass Sie mit den betroffenen Wertpapieren einen Verlust erlitten haben. Sie müssen die Papiere dabei noch nicht verkauft haben. Eine Entschädigung kommt dabei nicht nur für die Aktie der Wirecard AG infrage, sondern auf für andere Wertpapiere:

  • Die Wirecard-Aktie (WKN: 747206 / ISIN: DE0007472060)
  • Von Wirecard herausgegebene Anleihen (WKN: A2YNQ5 / ISIN: DE000A2YNQ58
  • Diverse Derivate, die auf der Wirecard-Aktie basieren, z.B. Zertifikate, Optionsscheine, Termingeschäfte oder andere Hebelprodukte
  • Fonds: Sowohl aktiv gemanagte Fonds als auch Indexfonds bzw. ETFs haben zum Teil stark in Wirecard investiert. Insbesondere im TecDAX (und damit in TecDAX-ETF) war Wirecard ein Schwergewicht.

Wichtig ist, dass Sie Ihre Wirecard-Wertpapiere im Zeitraum vor Bekanntwerden des Wirecard-Skandals gekauft haben, also bis zum 18.6.2020.

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Wie hoch fällt der Schadensersatz bei Wirecard aus?

Ist Ihnen z.B. durch falsche oder verspätete Informationen oder durch Falschberatung ein Schaden entstanden, muss der Verursacher diesen ersetzen. Dabei gibt es 2 Optionen: Einerseits können Sie die Aktien bzw. anderen Wertpapiere gegen Erstattung des ursprünglichen Kaufpreises abgeben. Andererseits kann die Entschädigung aus der Differenz zwischen dem Kaufpreis und einem fiktiven Preis, der sich bei korrekter und rechtzeitiger Information ergeben hätte, errechnet werden. Maßstab dafür ist beispielsweise der Kursverlust, der durch das Bekanntwerden des Wirecard-Skandals entstanden ist.

Gegen wen kann man im Wirecard-Skandal klagen?

Die Wirecard AG haftet insbesondere für das Handeln ihrer Vorstände. Daher ist der wichtigste Anspruchsgegner von geschädigten Wirecard-Anlegern die Gesellschaft selbst. Nachdem allerdings etwa ein Viertel der Bilanzsumme offenbar nicht existiert, ist die Wirecard AG selbst in eine Schieflage geraten. Hinzu kommt, dass Wirecard durch den Skandal auch Kunden verloren hat und weiter verliert. Außerdem dürften auch andere Anleger eine Entschädigung von Wirecard einklagen. Inzwischen hat die Wirecard AG daher Insolvenz angemeldet. Daher erläutern wir weitere mögliche Anspruchsgegner:

Für ihr Verhalten müssen die Vorstände grundsätzlich auch persönlich geradestehen. Die wichtigsten Akteure im Wirecard-Skandal scheinen bisher Markus Braun und Jan Marsalek zu sein. Braun ist der Gründer von Wirecard war bis zum Bekanntwerden des Skandals Vorstandsvorsitzender des Unternehmens. Kurz vor der Insolvenz hat er Wirecard-Aktien im Wert von über 100 Mio. € verkauft, daher dürfte er über signifikantes Vermögen verfügen. Marsalek war im Vorstand zuletzt für das operative Geschäft zuständig – inklusive der problematischen Geschäftsfelder in Asien. Er war nach Bekanntwerden des Skandals zunächst untergetaucht.

Neben dem Privatvermögen dürften die Vorstände auch über eine sogenannte D&O-Versicherung verfügen, das ist so etwas wie eine Haftpflichtversicherung für Manager.

Außerdem könnten auch Ansprüche gegenüber der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (ehemals Ernst & Young) bestehen. EY prüft die Bilanzen von Wirecard seit 2012 und hat erst dem Abschluss für 2019 das Testat verweigert. Rückblickend ist es aber unwahrscheinlich, dass die Buchführung von Wirecard 2018 noch in Ordnung war. Allerdings ist die Haftung von Wirtschaftsprüfern gedeckelt und gilt in der Regel nur gegenüber der Gesellschaft. Kann E&Y dagegen Vorsatz nachgewiesen werden, stehen die Chancen besser.

Wenn der Kauf der Wirecard Wertpapiere nach der Veröffentlichung des KPMG-Gutachtens vom 27.4.2020 stattgefunden hat, kommt auch eine Beraterhaftung in Frage. Falls Sie die Wertpapiere über einen Berater, Vermittler oder ähnliches gekauft haben, hätte er Sie über die damals schon bekannten Unregelmäßigkeiten informieren müssen. Insbesondere dürften die Wertpapiere spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr für sicherheitsorientierte Anleger geeignet gewesen sein. Dabei ist es egal, ob der Berater Wirecard-Aktien, Wirecard-Anleihen oder Derivate wie Wirecard-Zertifikate empfohlen hat.

Einige Kanzleien bereiten auch schon Wirecard-Sammelklagen gegen Behörden vor. Die Anwälte werfen dem Staat vor, seiner Aufsichtspflicht nicht, nicht ausreichend oder nicht rechtzeitig nachgekommen zu sein. Im Fokus steht dabei v.a. die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die sich aber nur als Bankenaufsicht sieht. Hinzu kommt, dass die Financial Intelligence Unit (FIU) des Zolls wohl etliche Hinweise auf auffällige Zahlungsströme bei Wirecard gar nicht oder erst nach dem Bekanntwerden des Betrugs an Polizei und Staatsanwaltschaft weitergeleitet hat.

Updates: Aktueller Stand im Wirecard-Skandal

Schon die Anfangsphase der Wirecard AG aus Aschheim bei München war etwas anrüchig: Zu Beginn wurde hauptsächlich mit der Zahlungsabwicklung („Payment“) für Anbieter von Online-Pornographie und Online-Glücksspiel Geld verdient. Inzwischen machen diese Bereiche aber nur noch einen geringen Anteil am Geschäft von Wirecard aus. Die Probleme liegen heute großenteils in anderen Bereichen, insbesondere im Auslandsgeschäft, da hier wegen fehlender Banklizenzen mit externen Partnern zusammengearbeitet wurde. Dadurch wurden Defizite bei Kontrolle und Aufsicht verschärft.

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Bereits Anfang 2019 und erneut im Herbst 2019 berichtete die Financial Times über Unregelmäßigkeiten in Buchführung und Bilanzierung. Angeblich sollen beispielsweise Umsätze erfunden worden sein. Insbesondere im sogenannten Third Party Acquiring, also bei Geschäften über externe Partner, soll nicht klar gewesen sein, woher angebliche Umsätze stammen. Außerdem sollen sich Manager durch überhöhte Preise für aufgekaufte Unternehmen selbst bereichert haben und Kredite sollen falsch ausgewiesen worden sein. Im Fokus standen dabei Gesellschaften in den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Philippinen und Singapur.

Wirecard beauftragte daher die Wirtschaftsprüfer von KPMG mit einer Sonderprüfung, um die Vorwürfe zu entkräften. Das KPMG-Gutachten vom 27.4.2020 konnte zwar keine Beweise für die Vorwürfe finden, sie aber auch nicht entkräften. Der Grund dafür war, dass die Buchführung von Wirecard schlicht nicht nachvollziehbar war.

Am 18.6.2020 musste die Wirecard AG einräumen, dass ihr vermutlich 1,9 Mrd. € fehlen. Das entspricht etwa einem Viertel der Bilanzsumme und einem Großteil des Eigenkapitals. Das Geld sollte eigentlich auf Treuhandkonten bei philippinischen Banken liegen, die Belege dazu waren aber wohl gefälscht. Der Treuhänder Mark Tolentino war zu diesem Zeitpunkt nicht auffindbar. Wirecard musste die Vorlage ihres Jahresabschlusses daraufhin erneut verschieben. Nach dieser Bekanntmachung und in den folgenden Tagen stürzte die Wirecard-Aktie ins Bodenlose.

Am 22.6.2020 wurde der kurz zuvor zurückgetretene Vorstandsvorsitzende der Wirecard AG, Markus Braun, festgenommen. Es besteht der Verdacht auf Kursmanipulation und Bilanzfälschung.

Am 25.6.2020 wurde bekannt, dass die Wirecard AG Insolvenz angemeldet hat. Als Gründe wurden drohende Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung genannt. Letzteres deutet darauf hin, dass das Eigenkapital aufgebraucht ist. Anfang Juli 2020 berichteten verschiedene Medien, dass die Vorstände von Wirecard wohl schon seit 2012 bewusst und systematisch betrogen haben. Mit Scheingeschäften sollten Kunden und Anlegern hohe Umsätze und Gewinne vorgegaukelt werden. Der Vorstand Jan Marsalek war zu diesem Zeitpunkt weiter untergetaucht.

Am 16.7.2020 wurde bekannt, dass der damalige Vorstandschef Markus Braun zu Beginn des Jahres bei der Banktochter von Wirecard einen Kredit über 35 Mio. Euro aufgenommen hat. Der Zinssatz von 12,55% deutet darauf hin, dass Wirecard schon zu diesem Zeitpunkt die Bonität von Braun nicht als besonders gut eingeschätzt hat.

Am 17.7.2020 wurde bekannt, dass der ehemalige Chef von Cardsystems Middle East bei der Staatsanwaltschaft ein Geständnis abgelegt hat. Die Wirecard-Tochter in Dubai soll eine zentrale Rolle bei den Manipulationen gespielt haben.

Am 22.7.2020 gab die Staatsanwaltschaft bekannt, dass Haftbefehle für weitere ehemalige Führungskräfte der Wirecard AG. Inzwischen wurden auch die Vorwürfe ausgedehnt, unter anderem geht es jetzt auch um gewerbsmäßigen Bandenbetrug. Die Führungskräfte von Wirecard sollen bereits 2015 beschlossen haben, Umsatz und Gewinn künstlich aufzublähen, um sich so Kredite zu verschaffen. Dabei wird auch davon ausgegangen, dass selbst gut 3 Mrd. Euro, die Banken als Kredite an Wirecard vergeben hatten, höchstwahrscheinlich verloren sind.

Am 6.8.2020 wurde bekannt, dass Christoph Bauer auf den Philipinen für tot erklärt wurde. Als Manager von PayEasy Solutions war er eine der Schlüsselfiguren im Wirecard-Skandal.

Seit dem 11.8.2020 gerät eine weitere Bundesbehörde in den Fokus: Offenbar hat die FIU des Zolls etliche Meldungen zu Verdachtsfällen nicht oder erst nach dem Auffliegen des Wirecard-Skandals an die zuständigen Behörden weitergeleitet.

Am 17.9.2020 wurde bekannt, dass bis zu 250 Mitarbeiter Einsicht in Statistiken hatten, die die Manipulation der Geschäftsberichte von Wirecard belegt hätten.

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FAQs zu Wirecard-Skandal und Sammelklage

Wer kann Schadensersatz von der Wirecard AG bekommen?
Grundsätzlich jeder, der durch die verspäteten/falschen Informationen von Wirecard einen Schaden erlitten hat. Insbesondere Anleger, die Aktien, Anleihen, Zertifikate etc. vor dem 18.6.2020 gekauft haben. Genaues erfahren Sie hier.

Sollte ich mich einer Sammelklage anschließen?
Das kommt auf Ihre persönliche Situation an, beispielsweise ob eine Rechtsschutzversicherung vorhanden ist. Am Besten fragen Sie einen Anwalt, z.B. hier.

Ist bei Wirecard eigentlich noch etwas zu holen?
Es ist zunehmend zweifelhaft, ob bei der Wirecard AG selbst noch viel zu holen sein wird. Immerhin ist das Unternehmen insolvent. Allerdings gibt es weitere mögliche Anspruchsgegner. Eine Liste finden Sie hier.

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