Im Interview mit Prof. Dr. Peter Fissenewert

Ich bin seit vielen Jahren Rechtsanwalt und Partner in der Kanzlei BUSE Rechtsanwälte Steuerberater. Wir sind eine Full-Service-Corporate-Kanzlei und beraten in allen Fragen des nationalen und internationalen Wirtschafts- und Steuerrechts. Ich selbst bin passionierter Gesellschaftsrechtler und habe mich auf alle Fragen „Rund um die Haftung“ und „Rund um das Risiko“ spezialisiert. Ich bin Experte für sämtliche Risikothemen, sei es in der Prävention, der Begleitung von Risiken oder der Beseitigung von Risiken und damit Haftungsthemen. Dieser Ansatz der Risikovermeidung, Haftungsvermeidung und nachhaltiger Vermögenssicherung zieht sich durch meine sämtlichen Tätigkeitsschwerpunkte. Diese sind das Wirtschaftsrecht und das Wirtschaftsstrafrecht und hier insbesondere das Gesellschaftsrecht, Restrukturierung, Sanierung und Insolvenz sowie Compliance-Beratung und Managerhaftung. Hierzu gehört auch die Sicherung von Vermögen und Stiftungen.
Ich bin bei BUSE Leiter der standortübergreifenden Practice Groups Corporate/M&A sowie Restrukturierung Sanierung Insolvenz. Näheres zu meiner Kanzlei und mir finden Sie unter https://buse.de/anwaelte/peter-fissenewert/.
Rechtecheck: Mit welchen Fällen kommen Mandanten häufig zu Ihnen?
Meine Mandanten kommen in normalen gesellschaftsrechtlichen Fällen zu mir, im Wesentlichen aber wenn es um Risikothemen geht, also die Vermeidung von Risiken im Vorfeld – das ist etwa bei Vertragsgestaltungen sehr wichtig – oder bei Haftungsfällen, sei es, dass das Unternehmen Geschäftsführer oder Manager in die Haftung nehmen will, oder dass eben die Manager die Vermeidung von Haftung wünschen.
Sehr viele Unternehmen kommen zu mir, um sich über Compliance-Themen beraten zu lassen. Ich bin in vielen Unternehmen auch der externe Compliance-Beauftragte.
Rechtecheck: Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler, bevor sie einen Rechtsanwalt kontaktieren?
1. Zu langes Zögern: Viele Mandanten warten zu lange, bevor sie rechtlichen Rat einholen, was oft dazu führt, dass Fristen versäumt werden oder die Situation sich verschlimmert.
2. Unvollständige oder fehlerhafte Dokumentation: Wichtige Dokumente werden nicht aufbewahrt oder sind unvollständig, was die Arbeit des Anwalts erschwert.
3. Selbständige Rechtsauslegung: Mandanten versuchen, ihre rechtlichen Probleme selbst zu lösen, oft basierend auf Halbwissen oder Internetrecherchen, was in aller Regel zu falschen Entscheidungen führen kann.
4. Fehlende Klarheit über Ziele: Mandanten wissen oftmals nicht genau, was sie eigentlich erreichen wollen. Das erschwert häufig die strategische Planung.
5. Kommunikationsfehler: Wichtige Informationen werden dem Anwalt nicht mitgeteilt oder es wird erwartet, dass der Anwalt ohne vollständige Informationen handeln kann.
6. Ignorieren rechtlicher Risiken: Das ist leider allzu menschlich. Mandanten unterschätzen häufig die Tragweite rechtlicher Risiken und treffen Entscheidungen ohne ausreichende rechtliche Absicherung.
Diese Fehler können zu unnötigen Komplikationen führen, die durch eine frühzeitige und gründliche Beratung hätten vermieden werden können.
… von Kollege/in zu Kollege/in
Rechtecheck: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Faktoren, um eine erfolgreiche Kanzlei zu führen?
1. Exzellente Fachkompetenz: Kontinuierliche Weiterbildung und Spezialisierung sind entscheidend, um Mandanten kompetent zu beraten und einen Wettbewerbsvorteil zu sichern.
2. Mandantenorientierung: Ein starkes Verständnis für die Bedürfnisse und Ziele des Mandanten sowie ein hohes Maß an Empathie und Serviceorientierung sind essenziell.
3. Effektives Kanzleimanagement: Strukturierte Prozesse, effiziente Organisation und der Einsatz modernster Technologie (z.B. Legal Tech und künstliche Intelligenz) tragen zur Effizienz und Produktivität bei.
4. Starkes Team: Die Auswahl, Förderung und Motivation von talentierten Mitarbeitern sind entscheidend. Eine gute Arbeitsatmosphäre und klare Karrieremöglichkeiten fördern die Mitarbeiterbindung. Ein guter Anwalt hat immer auch ein gutes Team.
5. Netzwerk und Marketing: Aufbau und Pflege eines professionellen Netzwerks sowie gezieltes Marketing einschließlich Onlinepräsenz und persönlicher Kontakte, Vorträge und Veröffentlichungen unterstützen die Mandantenakquise.
6. Finanzmanagement: Solides Finanzmanagement und Kostenkontrolle sichern die wirtschaftliche Stabilität der Kanzlei.
7. Reputation und Ethik: Ein guter Ruf und ethisches Verhalten stärken das Vertrauen der Mandanten und die langfristige Positionierung der Kanzlei.
Ein Zusammenspiel dieser Faktoren bildet die Grundlage für nachhaltigen Erfolg und Wachstum einer Kanzlei.
Rechtecheck: Wie schätzen Sie den Einflussfaktor einer Google-Bewertung bei der Mandantengewinnung und des Mandantenvertrauens ein?
1. Mandantengewinnung
Erste Impressionen: Potentielle Mandanten nutzen Google-Bewertungen häufig als ersten Orientierungspunkt. Eine hohe Bewertung kann Qualität und Kundenzufriedenheit signalisieren. Ob dies auch für das gehobene Mandatssegment gilt, kann ich nicht abschließend beurteilen. Rechtsdienstleistungen über oder im Internet sind häufig eher von billigen Angeboten geprägt.
Suchmaschinenoptimierung (SEO): Gute Bewertungen können das Ranking in den Suchergebnissen verbessern, was die Sichtbarkeit und damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, von neuen Mandanten gefunden zu werden.
Wettbewerbsvorteil: In einem wettbewerbsintensiven Markt können positive Bewertungen den Unterschied machen, ob sich ein potentieller Mandant für oder gegen ein Unternehmen entscheidet. Das ist aber im Anwaltsmarkt – wie bereits erwähnt – noch etwas unübersichtlich.
2. Mandantenvertrauen
Vertrauensaufbau: Bewertungen dienen als soziale Bestätigung und können das Vertrauen in die Kompetenz und Zuverlässigkeit eines Dienstleisters stärken.
Langfristige Beziehung: Positive Erfahrung, die in Bewertungen reflektiert werden, fördern die Loyalität und binden Mandanten langfristig.
Damit sind Google-Bewertungen, aber im Übrigen möglicherweise noch besser LinkedIN-Bewertungen, ein entscheidender Faktor für die Mandantengewinnung und das Vertrauen.
Rechtecheck: Was empfehlen Sie jungen Kollegen, die sich auf Ihrem Rechtsgebiet fortbilden möchten oder sich mit einer Kanzlei selbständig machen wollen?
1. Spezialisierung und kontinuierliche Weiterbildung
Fachliche Vertiefung: Wählen Sie ein Rechtsgebiet, das Sie interessiert und in dem Sie sich spezialisieren möchten. Der Erwerb von Fachanwaltstiteln oder die Teilnahme an Fortbildungen und Seminaren sind dabei hilfreich.
Aktualität: Bleiben Sie stets auf dem neuesten Stand der Rechtsprechung und Gesetzgebung. Fachzeitschriften, Online-Datenbanken und Netzwerke helfen, up-to-date zu bleiben.
2. Praxisnahe Erfahrung sammeln
Praktische Erfahrung: Sammeln Sie möglichst viele praktische Erfahrung, sei es durch Praktika, Referendariat oder Anstellung in den spezialisierten Kanzleien.
Mentoring: Suchen Sie sich einen erfahrenen Mentor, der Sie bei der Entwicklung Ihrer beruflichen Laufbahn unterstützt. Das ist extrem wichtig. Niemand kommt allein zum Erfolg.
3. Netzwerk aufbauen
Fachliche Netzwerke: Bauen Sie frühzeitig Kontakte zu Kollegen, Mandanten und anderen relevanten Akteuren in Ihrem Rechtsgebiet auf. Netzwerke können für fachlichen Austausch, Kooperationen und Mandantenakquise sehr hilfreich sein.
Branchenevents: Besuchen Sie Fachmessen und Konferenzen sowie die lokalen Anwaltsvereinigungen.
4. Selbständigkeit strategische planen
Businessplan erstellen: Entwickeln Sie einen klaren Businessplan, der Ihre Zielgruppe, die Finanzplanung und die Marketingstrategie umfasst.
Kanzleimanagement: Lernen Sie die Grundlagen des Kanzleimanagements, einschließlich Mandantenbetreuung, Abrechnung und Kanzleiorganisation.
Finanzielle Absicherung: Stellen Sie sicher, dass Sie über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um die Anfangsphase der Selbständigkeit zu überstehen.
5. Marketing und Positionierung
Online-Präsenz: Eine professionelle Webseite und gezielte Nutzung von Social Medai bzw. LinkedIN sind heutzutage unverzichtbar.
Reputation aufbauen: Fokussieren Sie sich auf exzellente Mandantenbetreuung und den Aufbau eines guten Rufs in Ihrem Rechtsgebiet.
6. Rechtliche und betriebswirtschaftliche Aspekte berücksichtigen
Rechtsform und Versicherungen: Wählen Sie die passende Rechtsform für Ihre Kanzlei und kümmern Sie sich um notwendige Versicherungen (z.B. Berufshaftpflichtversicherung, aber auch Altersversorgung).
Steuerliche und rechtliche Pflichten: Informieren Sie sich umfassend über steuerliche und rechtliche Anforderungen für selbständige Anwälte.
Mit diesen Schritten können junge Juristen ihre Karriere gezielt vorantreiben und den Grundstein für eine erfolgreiche Selbständigkeit legen.
Rechtecheck: Was halten Sie von KI-Technologien und nutzen Sie diese bereits?
KI-Technologien haben das Potential, zahlreiche Bereiche grundlegend zu transformieren und haben – in der richtigen und verantwortungsvollen Anwendung – sicherlich erhebliche Vorteile. Zu nennen ist hier etwa die Effizienzsteigerung. KI wird in Zukunft auch im juristischen Bereich nicht nur Prozesse vereinfachen, sondern sogar – stets in Abstimmung mit dem menschlichen Anwalt – bessere Ergebnisse fördern. Das gilt im Übrigen jetzt schon für meine Mandanten. Diese nutzen bereits Datenanalysen und Prognosen sowie Innovationsförderungen.
Die wichtigsten Herausforderungen und Überlegungen gehören sicherlich der Ethik und Verantwortung: Der verantwortliche Einsatz von KI, der Datenschutz und die Vermeidung von Bias-Modellen sind wichtige Themen ebenso wie die menschliche Ergänzung. KI sollte nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung menschlicher Fähigkeiten betrachtet werden.
Im Ergebnis bieten KI-Technologien auch im Anwaltsberuf enorme Chancen. Ein bewusster und strategischer Einsatz kann nicht nur Unternehmen, sondern auch Kanzleien und Individuen erheblich weiterbringen.
Rechtecheck: Viele sprechen von Digitalisierung und Transformation. Inwieweit ist dies im Kanzleialltag umgesetzt? Sind Sie bereits komplett digital aufgestellt? Was sind Ihrer Meinung hierbei die größten Herausforderungen? Haben Sie Tipps an Ihre Marktbegleiter, wie man dies verbessern könnte?
Digitalisierung und Transformation sind zentrale Themen im Kanzleialltag. Der Grad der Umsetzung variiert allerdings stark.
Viele Kanzleien nutzen bereits digitale Lösungen, wie Dokumentenmanagementsysteme, elektronische Aktenführung und digitale Signaturen. Das dürfte bereits der normale digitale Standard sein. Auch die digitale Kommunikation, sei es via Email, Mandantenportale oder Videokonferenzen, hat sich weitgehend etabliert. Dies gilt auch für die Datensicherung und Compliance.
Die größten Herausforderungen bei der Umsetzung im Kanzleialltag sind die technologische Integration sowie die Schulung und Akzeptanz. Nicht alle Mitarbeiter sind sofort offen für neue Technologien. Eine gezielte Schulung und der Wandel in der Unternehmenskultur sind dabei essentiell. Dazu gehört auch die Sicherstellung der Compliance und der Schutz vor Cyberangriffen, die kontinuierliche Herausforderungen darstellen.
Letztendlich erfordert die Umstellung auf digitale Prozesse erhebliche finanzielle und zeitliche Investitionen, die aber gut angelegt sein dürften.
Die vollständige Digitalisierung einer Kanzlei ist ein fortlaufender Prozess. Mit einer strategischen Herangehensweise, der Einbringung aller Beteiligten und einem Fokus auf kontinuierliche Verbesserung können Kanzleien die Vorteile der Digitalisierung optimal nutzen und ihre Effizienz sowie Mandantenzufriedenheit steigern.




